Aus den Hollywood Hills brachte Morrissey uns “You are the quarry”, aus England mit den Smiths, vor genau 20 Jahren “The Queen is dead”, ein Jubiläum, das die Musikwelt in einer mehrtägigen Gala feiern sollte. Und jetzt hat Morrissey seinen Lebensmittelpunkt plötzlich nach Rom verlegt. Ist das nicht genauso ein Witz wie Morrissey in Amerika? Ist das ganze Leben nach den Smiths von Morrissey nicht eine einzige Persiflage? Ist es nicht eine Provokation? Vor einigen Wochen, es mag ein Zufall gewesen sein, dass das kurz vor seiner Plattenveröffentlichung “Ringleader of the Tormentors” passierte, schaffte Morrisseys es in England mal wieder auf die Titelseiten der Boulevardpresse. Er war der Meinung, dass man das Leben der misshandelten Tiere nur mit Gegengewalt stoppen könnte. Das ist Morrissey wie er leibt und lebt, denn er weiß wie die konservative Presse solche Aussagen aufnimmt – und er geniesst es. Das ist das, was wir in den 80er Jahren in der Frustbewältigung der Pubertät brauchten. Er war unser Sprachrohr in der Welt der posierenden und geschminkten US Poserbands á la Bon Jovi. Morrissey hielt uns das Oscar Wilde Buch in die Kamera, anstatt die gezackte, weiße E – Gitarre , guckte provozierend und brachte Stücke wie “Meat is murder” heraus. Morrissesy war ein Heiliger und ein Studentenführer, inmitten einer ungerechten Welt. Seine unerträgliche Arroganz störte uns nicht, denn aus der Gegenbewegung wurde Stolz. Das ist der Morrissey, der plötzlich mit dem Roller durch Rom fährt und bei einem Cappuccino das Abendessen plant und den richtigen Wein dazu auswählt? Ist Morrissey zahm geworden? Ein ungewöhnlicher Gedanke, der nur mit einer Platte wie “Ringleader of the Tormentors” beantwortet werden kann. Ein zweites “You arte the quarry” war nicht zu erwarten, denn die Pre - Smiths Ära hat keine bessere Platte zuvor gesehen und wird wohl auch nichts gleichwertigeres bekommen. “Ringleader of the Tormentors” soll laut Produzentenlegende Toni Visconti das Beste sein, was jemals den Weg von seinem Mischpult in den Plattenladen geschafft hat und erst recht in den Downloadshop. Gleich mit “I will see you in far off places” ist ein Nachtreten gegen seine letzte Wahlheimat Amerika. Es heißt im Text “And if the USA doesn’t bomb you” und dazu rockt in bester Smiths Manie eine Gitarre und Morrissey setzt pointiert seine messerscharfen Sätze und wird in seiner, manischen Gesangsart wieder zu einem Teil der instrumentalen Flut, die uns in den zwölf neuen Stücken heimsucht. Nicht immer sind die Songs von vorne bis hinten gelungen, aber es sind wieder diese ganz großen Morrissey Momente drauf und es sind wieder Stücke, mit denen man sich beschäftigen muss, die eine Herausforderung an uns stellen und die uns doch am Ende beglücken können. Die Texte sind voll mit zynischen Thesen und Aussagen. Warum singt ein Morrissey plötzlich einen Song wie “Dear God, please help me”? Warum arrangiert Ennio Morricone plötzlich die Streicher, die man sich wohl aus Kostengründen leider nicht einmal bei You are the quarry leistete? Morrissey spielt “Dear God” plötzlich zur Redewendung herunter und singt damit das einzig ruhige Stück auf diesem Album. Richtig sentimental wird es bei einem der seltenen Liebeslied “To me you are work of art”. Ein Song, den wir schließlich genauso ernst nehmen wollen wie “Dear God, please help me” oder sollen wir mit zweierlei Mass messen, wie Morrissey es aus Berechnung in den letzten 20 Jahren auch immer getan hat? Schließlich hat Morrissey bei seinem Song “You are the quarry” bei “I have forgiven Jesus” Jesus vergeben. Jetzt ist Gott an der Reihe und die Instrumente werden pompöser, der Gitarrenriffs härter, die Pauken, die Geigen und das ganze Orchester trägt den Größenwahninnigen durch seinen Songzyklus. Morrissey jodelt, kämpft, ergibt sich und steigt wieder auf. Es brauchte einen Toni Visconti hinter den Reglern um diese gewaltige Platte zu bändigen und am Ende nicht den Überblick zu verlieren. Morrissey schiesst Redewendungen wie “Life is a pigsty” mit genau so einer Leidenschaft, in unser, von gähnend langweiliger Popmusik geplagtes Herz, wie seine Zukunftsvisionen á la “In the future when all’s well” mit einem Glamrockteppich aus der Hüfte. Obwohl er das Maschinengewehr gegen eine Geige ein getauscht hat, bleibt auch das am Ende nur wieder eine Provokation an die Welt.
Schade nur, dass ein neuartiger Kopierschutz uns die Platte nur noch im heimischen Wohnzimmer geniessen lässt. Falls der CD Player gut genug ist, versteht sich.