Jarvis Cocker
Jarvis
 
Jarvis Cocker
„Jarvis Cocker“
Rough Trade

Als klar war, dass der Pulp Sänger und Chef-Exzentriker Jarvis Cocker an seiner ersten Soloplatte arbeitet und sie in diesem Jahr noch erscheinen soll, war man in seiner Erwartungshaltung hin- und hergerissen. Auf der einen Seite hoffte man, dass er so wie früher auf den großen Pulp Alben „Different Class“ mit dem Hit „Disco 2000“ oder „This is hardcore“ klingen möge und auf der anderen Seite fragte man sich, ob man das den wirklich im Jahre 2006 noch wolle. Würden diese Melodien, die exzentrische Gesangsart und die tief zynischen Texte der 90er Jahre noch heute Wichtigkeit und Bestand haben? Wenn wir auf die letzten Jahre von Jarvis Cocker zurückblicken, war er in sehr unterschiedliche Projekte involviert. Die letzten Lebenszeichen von Cocker waren eine Veröffentlichung im Zuge der bereits hier vorgestellten Homage an den großen Serge Gainsbourgh und seine Songs für das Album von Charlotte Gainsbourgh, die er gemeinsam mit dem Songschreiber Neil Hannon schrieb. Ein kein besonders überraschender Schritt für den Liebhaber französischer Musik und einer französischen Ehefrau. Überraschender war da schon sein Ausflug in die Welt der elektronischen Musik, in der er gemeinsam mit Darren Spooner sein Elektro-Punk Projekt Relaxed Muscle gründete. Außerdem schrieb er für den letzten Harry Potter Film drei Songs und spielte in der Filmband The Weird Sisters mit und erzählte im Internet Kindergeschichten über entlaufende Kühe. Alles Dinge, die nicht unbedingt Mut machten für den Mann mit der komischen großen Brille und den merkwürdigen Anzügen. Mut machte dagegen allerdings sein Engagement für das letzte sehr gelungene Nancy Sinatra Album, für die er "Don't Let Him Waste Your Time" und "Baby's Coming Back To Me" schrieb. Schön, dass diese beiden Songs nun auch in der Original Version mit seiner Stimme auf dem Album vorliegen und einer wesentlich forscheren rockigeren Instrumentierung. Und wo wir schonmal über Rock‘n Roll sprechen: bei „Black magic“ klingt Cocker rockig wie nie, erzählt aber dafür spannend wie immer, von seinem eigenen Tod, den man mit Zauberei sicherlich noch hinauszögern könnte (Harry Potter lässt grüßen). Lange hält das nicht vor, denn mit „Heavy Weather“ wartet ein echter Hit, der sogar ein Liebeslied ist, sich aber nicht so einfach verstehen lässt, wie andere Love und Pophits in den Charts. Jarvis mag es nun mal verstrickter und ein bisschen komplizierter. Trotz all seiner frankophilen Angewohnheiten und die Kultur seiner Wahlheimat Paris, spielt Jarvis Cocker das, was wir in den neunziger Jahren Brit Pop nannten und was einfach immer noch gut ist. Oft konnte man in den Kulturteilen der Tageszeitungen lesen, dass diese Platte nicht so eingängig sei, wie die Pulp Platten. Da mögen die Meinungen auseinander gehen, denn „Jarvis Cocker“ ist ein typisches Brit Popalbum. Sicherlich ein sehr cleveres mit einigen Versicherungen, es nicht zu schnell überhören, wie pompöser Instrumentierung und einigen sehr schwierigen Themen wie in dem Song „From Ausschwitz to Ipswich“. Doch unter dem Strich schwelgen wir in Melodien und erfreuen uns an seiner tiefen melodiösen Stimme, die gewohnt auch sehr viel Zynismus in Töne verarbeitet. „I will kill again“ ist ein Song der sich dem aktuellen Thema „Stalking“ annimmt und einen sehr komplizierten Menschen beschreibt. Neben „Black Magic“ verlässt Jarvis noch einmal das gewohnte Terrain und schiesst quer, um unberechenbar zu bleiben. „Fat children“ ist ungewohnt hart und hat keine sehr typisch Jarvis Cocker Hookline. Denn auch nach den 14 Songs muss man sagen, dass dieser Mann ein Popgenie ist und es versteht immer neue tolle Songs zu schreiben, die zwar eingängig sind, aber doch ganz anders sind, als die der üblichen Popstars der letzten Jahre. Aber genau von diesen möchte Jarvis Cocker sich absetzen und wenn die Gefahr besteht mal wieder den einen großen Welthit zu singen, dann versteckt er ihn als Hidden Track auf der Platte ganz am Schluß. Und wenn das noch nicht an Verschrobenheit reicht, dem werden die Politik kritischen Zeilen mit einer solchen Deutlichkeit runtergebetet, dass es am Ende alles andere als ein Popsong ist. Das macht ihn aus und so einzigartig.


Kopierschutz: Nein
I - Pod Fähig: Ja 
Auch als LP erhältlich
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